Almosen statt einklagbarer sozialstaatlicher Leistungen:

Wie die Reformen des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarktes im Rahmen der “Agenda 2010″ zu einer Auslagerung vorher sozialstaatlicher Aufgaben auf den karitativen Sektor führten: Am Beispiel der sog. „Hartz-Gesetze“ und der Lebensmitteltafeln

von Oliver Vornfeld

Die Lebensmitteltafeln sind in Deutschland zu einem festen Bestandteil des „Wohlfahrtmix“ geworden. Seit der Gründung der ersten Tafel vor weniger als zwanzig Jahren hat die Anzahl der Tafeln stark zugenommen, in jeder größeren Stadt gibt es sie. Von zwei Dingen zeugen die Tafeln: zum einen, dass sich um die ärmsten Menschen in unserer Gesellschaft gekümmert wird und zum, anderen dass der Staat dies nicht (im vollen Umfang) tut. Durch die Tafeln wird ersichtlich, dass der deutsche Sozialstaat nicht in der Lage ist, selbst der sozialen und Existenz-Sicherung aller Menschen nachzukommen.

Am Beispiel der Lebensmitteltafeln soll aufgezeigt werden, wie die Reformen des deutschen Sozialsystems und Arbeitsmarkts durch die „Agenda 2010“, besonders die „Hartz-Gesetze“, dazu führten, dass vermehrt Aufgaben, die bisher  vom Sozialstaat übernommen wurden, auf den karitativen Sektor ausgelagert wurden und dass dahinter eine Methode steckt.

Die deutsche Tafellandschaft

Das Prinzip der Lebensmitteltafeln ist, dass unverkäufliche Lebensmittel bei Lebensmittelspendern eingesammelt und diese daraufhin von bedürftigen Menschen abgeholt werden. Bezeichnet werden diese Menschen als „Abholer_innen“ oder häufig auch „Kunden_innen“. Die Lebensmittel stammen entweder aus Überproduktionen der Lebensmittelbranche oder es handelt sich um Lebensmittel, deren Haltbarkeit bald abläuft. Nach Schätzungen gibt es eine Million Menschen, die derzeit die deutschen Tafeln nutzen – eine wohl eher symbolische Zahl, die tatsächliche Zahl liegt wohl noch höher . Derzeit engagieren sich etwa 50.000 Freiwillige bei den deutschen Tafeln, dazu kommen 3.200 Angestellte, die meisten von ihnen auf 400-Euro-Basis oder als 1-Euro-Kräfte.

Die Idee der Tafeln stammt aus den USA, wo seit Ende der 1960er Jahre Nonprofit- Organisationen und staatliche Stellen in einem „war against hunger“ die Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige organisieren. Die erste Tafel, die ausschließlich zum Tafel-Zweck entstand, wurde 1967 in Phoenix, Arizona, gegründet. Die erste Gründung einer vergleichbaren Organisation in Europa war in Frankreich im Jahre 1984.

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